• Katja Peteratzinger

Staatssekretärin Ayse Asar zum Unterschied zwischen Integration und Assimilation

Aktualisiert: 9. Mai



"Integration ist nicht Assimilation", sagt Ayse Asar, Staatssekretärin im hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.


Das erste Zusammentreffen mit Ayse Asar ist offen und unprätentiös. Wir sitzen wartend vor ihrem Büro, als sie plötzlich die Tür öffnet und uns genau zur vereinbarten Uhrzeit hereinbittet. Ein warmer Empfang ist es. Kaffee und Wasser reicht sie uns höchstpersönlich und schon geht es mitten hinein in einen sehr interessanten und munteren Austausch. - Keine Wartezeiten, keine Allüren, keine unnötigen Gesprächsbarrieren auf Seiten der sympathischen 46-jährigen Volljuristin. Nur Freundlichkeit, Natürlichkeit und Lust auf das Interview. Herrlich!





Das Thema ist ihre persönliche Erfolgsgeschichte. Dies und wie sie es geschafft hat dort zu sein, wo sie heute ist und was das alles mit Diversität und Integration zu tun hat. - Der Erfolg wurde ihr nicht wie selbstverständlich in die Wiege gelegt. Sie musste kämpfen als Mädchen und Frau und sich behaupten als native German und zugleich Mensch mit türkischen Wurzeln. Beim Thema „Kampf“ geht es ihr, dies stellt sie deutlich heraus, nicht um fehlende Gleichbehandlung oder Benachteiligung für sie und andere. Beides sei - ebenso wie Chancengleichheit - selbstverständlich auch sehr wichtig, sagt sie. „Mir persönlich geht es hier aber mehr um den grundsätzlichen, gesamtgesellschaftlichen Nutzen von Diversität und Integration und um die Tatsache, dass diese in einer globalen Welt nur Vorteile bringt“. Diversität heißt Vielfalt und ist für die Gesellschaft ein sehr hohes Gut, davon ist Ayse Asar überzeugt. „Sich die verschiedenen Herkünfte, Sprachkompetenzen und kulturellen Besonderheiten der Menschen zunutze zu machen, das ist von unschätzbarem Wert und kann und wird unsere Gesellschaft immer weiter nach vorne bringen“, sagt Ayse Asar.


Ich fragte sie was sie tun würde, um Diversität und Integration in Deutschland zu verbessern oder zu ermöglichen, wenn sie Bundeskanzlerin wäre und ihre Antwort kam prompt: Bildung, Bildung und nochmal Bildung. Und das kommt aus berufenem Munde, denn Ayse Asar ist als ehemalige Kanzlerin der Hochschule Rhein-Main und Vizekanzlerin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt ausgewiesene Expertin im Hochschulsektor. Sie spricht die nach wie vor zu beklagende soziale Auswahl im Bildungssystem an, die auch unabhängig vom kulturellen Hintergrund erfolge. „Es ist großartig, dass so viele Menschen mit den unterschiedlichsten Bildungsbiographien und Lebensmodellen studieren. Angesichts des demographischen Wandels, der Digitalisierung, der Notwendigkeit des lebenslangen Lernens brauchen wir sie, auch für den Wirtschaftsstandort und die Wettbewerbsfähigkeit Hessens.


„Sich die verschiedenen

Herkünfte, Sprachkompetenzen

und kulturellen Besonderheiten

der Menschen zu Nutze

zu machen, das ist von

unschätzbarem Wert und kann

und wird unsere Gesellschaft

immer weiter nach vorne

bringen.“



Staatssekretärin Ayse Asar im Gespräch mit Katja Peteratzinger
Keine Wartezeiten, keine Allüren, keine unnötigen Gesprächsbarrieren auf Seiten der sympathischen 46-jährigen Volljuristin Ayse Asar. Nur Freundlichkeit, Natürlichkeit und Lust auf dieses Interview.


Wir unterstützen die Hochschulen dabei, einer immer heterogeneren Studierendenschaft den Studienabschluss zu ermöglichen“, sagt Ayse Asar. Insgesamt müssten die Abbrecherquoten unbedingt gesenkt werden. Gerade unter Arbeiterkindern an Hochschulen sei diese Zahl noch immer viel zu hoch und dies sei eben nicht dem kulturellen,

sondern vielmehr dem sozialen Hintergrund des Personenkreises geschuldet. „Es ist faktisch so, dass studierende Arbeiterkinder oft keine Vorbilder in der eigenen Familie haben und nicht selten der oder die einzige in der Familie sind, die erstmals studieren und eine akademische Laufbahn in Angriff nehmen. Sie stehen oft allein und wissen nicht, wie eine Hochschule und ein Studium ,funktioniert‘ “, sagt Ayse Asar.


"Integration bedeutet nicht,

die eigene Identität

aufzugeben oder zu

verleugnen."


Ich kann ihre Sicht sehr gut nachvollziehen, da ich zum selben Personenkreis gehöre. Deshalb bohre ich noch etwas nach und Ayse Asar spricht von ihren eigenen Erfahrungen: „Ich weiß es selber, ich wollte ins Ausland, ich habe ja dann in England studiert. Ich kannte niemanden, der im Ausland studiert hatte, und wenn Sie dann die/der erste sind, die so etwas machen möchte und es gibt einfach keine Vorbilder, niemanden der Ihnen diesen Weg aufzeigen konnte, niemanden der ihnen helfen kann, das ist dann schon eine echte Barriere. Es ist ein ganz anderer Erfahrungshorizont als wenn ich selbst heute meinen Kindern sagen kann, ihr habt die Möglichkeit und ich die finanziellen Mittel. Also los. Das ist doch eine ganz andere Ausgangsbasis fürs Leben.“ Nicht jede und jeder müsse studieren, sagt sie noch, aber es sei enorm wichtig, dass wir alles daran setzten, dass diejenigen, die in die Hochschulen kommen, auch erfolgreich seien.


Sehr am Herzen liegt es ihr im Kontext unseres Gesprächsthemas, den Unterschied zwischen Integration und Assimilation klarzumachen. Bei Assimilation geht es um vollständige kulturelle Anpassung an eine aufnehmende Gesellschaft. Das würde bedeuten, dass jemand seinen Hintergrund und seine kulturellen Wurzeln komplett verleugnen müsse, um dazuzugehören. Es würde auch bedeuten, dass individuelle Sprach- und kulturelle Kompetenzen, die Menschen durch ihre Herkunft ja mitbrächten, nicht optimal genutzt werden würden, erläutert Asar. Das sei verschenktes Potential. Aber vieles habe sich auch bereits gewandelt in der Zwischenzeit. Es gäbe schon sehr viele interkulturelle Familien - in den Städten mehr als im ländlichen Raum. Und es wird sich weiter verändern, meint Asar. „Dass jemand total abgegrenzt in seiner Blase lebt, das wird sicherlich immer seltener“, sagt sie lächelnd.



Die Staatssekretärin und Vorsitzende des Kulturausschusses des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Hessischen Kulturstiftung an ihrem Schreibtisch in ihrem Wiesbadener Büro


Integration ist insofern ein sehr wichtiger Faktor auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade heute und vor allem in der Pandemie sei das so. Asar glaubt, dass wir die Folgen noch lange spüren werden. „Wir werden viele Verlierer haben. Die Liste der gesellschaftlichen Herausforderungen ist lang“, sagt sie. Die wichtigsten Fragestellungen lauten aus ihrer Sicht: „Wie bekommen wir die Menschen wieder zusammen?“

„Wie erreichen wir es, dass alle (wieder) miteinander reden?“ „Hierauf sollten wir uns fokussieren, hier unsere Schwerpunkte setzen“, sagt die Staatssekretärin.


Ayse Asar ist Deutsche. Sie spricht außerdem fließend türkisch. Sie wurde 1975 in Bad Schwalbach geboren, ist in Idstein aufgewachsen (beides Rheingau-Taunus-Kreis) und lebt seit Jahren in Bad Camberg. Zwischenstationen waren Köln und das Ausland. Sie war ein Jahr in England, um dort einen Masterabschluss zu erlangen, und lernte dort auch ihren Mann kennen. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie pendelt aus der Kurstadt Bad Camberg nach Wiesbaden ins Ministerium. Sie hat sich für Bad Camberg entschieden, um in der Nähe der Eltern sein zu können und schätzt an der Region die wunderschöne Natur direkt vor der Haustür und die hervorragende Erreichbarkeit der Metropolregionen Rhein-Main und Köln-Bonn. Gefragt danach, für welches Land, welchen Ort oder welche Region

sie sich entscheiden würde, um dort zu leben, wenn sonstige Umstände keine Rolle spielten,

antwortete Asar, sie sei glücklich so, wie es jetzt sei. „Im Ruhestand würde ich vielleicht etwas

mehr Zeit an der Ägäis verbringen. Mein Lebensmittelpunkt bleibt aber der Taunus“, sagt sie.


Die Liste der Hobbys fällt bei Ayse Asars aktueller Tätigkeit naturgemäß nicht besonders lang

aus. Die Vorsitzende des Kulturausschusses des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Hessischen Kulturstiftung nennt aber „Internationale Literatur“ als eine ihrer Leidenschaften. Ihr Lieblingsbuch ist „One Hundred Years of Solitude“ von Gabriel Garcia Márquez. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten damit, Ausflüge mit den Kindern zu unternehmen, sich bei Familientreffen einzubringen und eben schöne Romane in deutscher, türkischer und englischer Sprache zu lesen.





„Wenn Sie etwas für die Entwicklung der Region in der Sie leben und arbeiten tun könnten, was wäre das“, lautet meine abschließende Frage. Sie holt tief Luft und sagt dann: „Wir haben in Bad Camberg eine wunderschöne Altstadt. Trotzdem sind die Innenstädte schon sehr traurig und es stellt sich die Frage, wie wir die Ortskerne attraktiver machen können und als Begegnungsorte stärken“, sagt Asar. Da müsse man ihrer Meinung nach mal konzeptionell ran. „Auf Landesebene engagieren wir uns, das historische Erbe Hessens zu bewahren, dazu gibt es zahlreiche Förderprogramme sowohl für Projekte zur Belebung der Innenstädte als auch zum Beispiel in der Denkmalpflege.“



Brunnen in der Bad Camberger Altstadt
Brunnen in der Bad Camberger Altstadt


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